Interview, Kulturserver NRW, 2017

Studio3, 2013, Foto, digital verfremdet

Interview im Netzwerk Kulturserver, 22.05.2017
“Ein Netz lebt von seinen Knotenpunkten sowie den Verbindungen, die zwischen ihnen bestehen.”
“Wir wollen wissen – wer steckt hinter all den künstlerischen und kulturellen Projekten, die das CultureBase-Netzwerk so lebendig und vielfältig machen? Denn Kreatives ist menschengemacht. Wir fragen nach und blicken hinter die Kulissen.”

NetzWerkFragen an Jupp Ernst, seit 2012 Mitglied im CultureBase-Netzwerk

Worum geht es bei Ihren Projekten?

Alters- bzw. gesundheitsbedingt konzentriert sich meine Arbeit seit einiger Zeit auf die fotografische und digital verarbeitete Dokumentation von meist temporären Auffälligkeiten meines geografisch begrenzten Lebensraumes, den man gemeinhin als Heimat oder Provinz bezeichnet, wo ich annähernd täglich unterwegs bin und “Tagestouren” unternehme. Wenn dann viele Dinge um mich herum, je nach Jahres- oder Tageszeit, nach Licht- und Witterungsverhältnissen immer anders erscheinen, dann kommt mir mein relativ kleines Bewegungsfeld nicht mehr nur eng und beängstigend vor. 
Mein Thema sind Bilder, Bildsequenzen: Eigene Fotos, digitale Collagen und Montagen, im vergleichenden Neben- bzw. Nacheinander, mit ihren Kontrasten und Ähnlichkeiten, mit durchaus divergierenden Bildinhalten bei fast gleicher Formensprache oder umgekehrt; Bilder, die sich in ihrer Zusammenstellung bereichern, nicht behindern, keine thematische Sammlung bilden und auch keine konventionellen Geschichten erzählen. Es geht also um eigene Bilder und Bildreihen, die konstellationsabhängig unübliche Beziehungen unter einander spürbar machen und, – Kontexte sind wichtig.

Wie lange befassen Sie sich schon mit dem Thema Malerei?

Mein Kunstlehrer am Gymnasium war Maler. Er hat mich ganz unaufdringlich stark beeindruckt. Eine ansonsten kunstferne Umgebung hat mir außerdem die Sinne dafür geschärft, dass Wissen und Wahrnehmung einander ergänzen, wenn es darum geht, sich mit vielfältigen Maßstäben ein Bild von der Welt zu machen, das halbwegs realistisch sein könnte. Erst durch ein emanzipatorisch wirkendes Akademiestudium konnte ich mich künstlerisch professionalisieren.
Doch war und ist Malerei nicht mein Thema, viel mehr ist es die sinnliche Wahrnehmung allgemein und mein Gesichtssinn im Besonderen. So wurde mir im Laufe der Zeit bewusst, dass ich wesentlich das sehe, was ich zu sehen gelernt habe. Und jetzt, 2017, werde ich 69 Jahre alt und merke, dass ich noch hungrig bin, hungrig auf Bilder.

Was begeistert Sie am meisten an dem Projekt bzw. Thema?

Neben der allgemeinen Pflicht, mich medial einigermaßen informiert auf dem Laufenden zu halten, begeistert mich meine visuelle Beschäftigung dadurch, dass mir immer wieder Erstaunliches begegnet, Beiläufiges auffällt und meist Freude macht, erst recht, wenn bei der Verarbeitung von Wahrnehmungen quasi dokumentativ auch etwas gelingt, was vorzeigbar ist.

Wovon träumen Sie im Bereich Kunst und Kultur?

Nicht nur für Kunst und Kultur war die Macht neoliberaler Zeiterscheinungen der vergangenen Jahre wie ein Albtraum mit unerträglichen Marketingfassaden, die nahezu alles schleimig hinter sich vergiften, was sie käuflich machen.
Daraus ergab bzw. ergibt sich eine weitgehende Distanz zum Kulturbetrieb. Diese Distanz ging bzw. geht nicht nur von mir aus. Und schrille Pfeifkonzerte auf neofeudalistisch gnädige Sponsoren und Pfiffe auf andere edle Stifter, die besser daran täten, Steuern zu bezahlen, fanden nicht statt.

Welche Kultur-Veranstaltung haben Sie als letztes besucht? Welches kulturelle Event wollten Sie immer schon einmal sehen?

Zuletzt besucht habe ich mit Verwandten die Ausstellung “Henry Moore, Impuls für Europa” im LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster. Wunschevents erscheinen mir fast wie letzte Wünsche. Insofern habe ich keine oder viele.
 
Was bedeutet für Sie die Teilnahme am CultureBase-Netzwerk?

Für mich bedeutet die Teilnahme am Netzwerk Teilhabe an der breiten Basis einer großen offenen Gruppe von berufsmäßig kulturell engagierten Menschen in einer demokratischen Gesellschaft.
 
Herzlichen Dank für Ihre Zeit!

 


Aus dem Münsterland, 2010

Die Appelchaussee 1-7, 2009, Fotokopie auf Leinwand, koloriert, lackiert, je 200 × 80 cm)
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Martin Rehkopp
Rede zur Eröffnung der Ausstellung “Arbeitsnachweis” am 2. Juni 2013 in Rheine, Kloster Bentlage

„Der Hunger auf Bilder bleibt auf Dauer ungestillt“, so formulierte es vor geraumer Zeit Jupp Ernst bezogen auf sein künstlerisches Wirken. Gut einhundert seiner Bilder können Sie heute hier sehen, ca. 30 im Kommunikationszentrum der Kreissparkasse Steinfurt, wo wir die Ausstellung heute Morgen bereits eröffnet haben. An seinen Bildern, Grafiken und Zeichnungen – aber auch an seinen Skulpturen – arbeitet sich Jupp Ernst seit vielen Jahren ab, häufig in Serien, mal umfangreich, mal zahlenmäßig zurückhaltender. Und doch, und obwohl er sich künstlerisch immer wieder neu zu erfinden scheint, lassen sich gewissermaßen rote Fäden in seinem Werk erkennen: Linien, kunsthistorische Bezüge und Zitate (Max Ernst, René Magritte, Otto Dix, George Grosz und Jupp Ernst selbst, um nur die wichtigsten zu nennen), Verfallsstrukturen, die Verfremdung von Wirklichkeit – wenn die Fotografie denn die Wirklichkeit überhaupt wiedergeben kann – tagespolitische wie historisch-politische Themenzusammenhänge sind ebenfalls immer wieder Gegenstand seiner künstlerischen Auseinandersetzung. Aber auch die eigene (nicht nur gesundheitliche) Befindlichkeit ist mal mehr, mal weniger deutlich in einzelnen Werken zu entdecken.

Zumindest für einen Laien ist es vielleicht verblüffend, welch eine große Spannbreite die künstlerische Fotografie in Zeiten der Computertechnik bietet, welche unterschiedliche Wirkungskraft traditionell abgezogene Fotos, Fotografien auf Leinwand oder auf Aludibond entwickeln, unbeschadet dessen, ob es sich um reine Fotografie, ob es sich um eine solche handelt, die mit dem Computer verfremdet und manipuliert ist.
Dabei ist es völlig belanglos, ob es sich in jedem Einzelfall dann noch um Fotografie handelt, das ist dann wohl mehr eine akademische – oder wenn Sie so wollen – eine ideologische Frage.
Angesichts des umfangreichen Werkes von Jupp Ernst, der Katalog allein umfasst dreizehn künstlerische Kapitel, das heißt ein Arbeitsnachweis pro Jahr seit der Milleniumswende, können wir weder in Steinfurt noch in Bentlage alle Werkgruppen präsentieren. Mithin wir mussten uns in den beiden Ausstellungen beschränken und bescheiden.

Deshalb verweise ich auf den 130seitigen Katalog, der – wie offensichtlich nicht nur ich empfinde – nicht nur wunderschön und weitgehend nicht nur vom Künstler selbst gestaltet wurde, sondern auch informativ ist mit seinen kurzen Kapiteltexten von Martin Gesing.
Im Katalog sind die künstlerischen Entwicklungsschritte der vergangenen dreizehn Jahre von Jupp Ernst gut nachvollziehbar – umfangreicher als dies in den Ausstellungen selbst möglich war.
Was fast alle Arbeiten – ich lasse jetzt zunächst einmal die Arbeiten auf Papier auszeichnet, ist sein offensichtliches inhaltliches Interesse an Verfalls- und Auflösungsstrukturen in der Architektur, insbesondere der Industriearchitektur, in Landschaften und im Stadtbild, auch bei sich selbst. Es ist gewissermaßen eine Vergewisserungsarbeit, die der Künstler hier leistet, eine Vergewisserungsarbeit über die Vergänglichkeit, die von Jupp Ernst verfremdet oder nicht, belastend ist, gleichwohl mitunter pittoresk, ja schön wirken kann, aber nicht muss.
Diese Vergewisserungsarbeit, wie nicht zuletzt seine Selbstportraits dokumentieren, ist nicht nur kritisch bzw. selbstkritisch, sie ist nicht selten auch skurril, auch ironisch und mit einem dem Westfalen eigentümlichen Humor in Szene gesetzt. Diese Arbeiten, nur elf waren es, wurden vor einigen Jahren unter dem Titel: „Dreamteam“ in dem deutsch-polnischen Kunstprojekt „Polen: Deutschland – 4:6“ in Katowice erstmals gezeigt.

Das Sentiment ist in der kritischen künstlerischen Analyse nicht die Sache von Jupp Ernst, vielmehr das Nachdenkliche, das Analysierende, das Ironisierende, aber auch das Ärgerliche über die Ökonomisierung vieler gesellschaftlicher Bereiche. Und dennoch: keine Weltuntergangsstimmung. Von Weltschmerz ist hier nicht die Rede.
Mit technischen Details will ich Sie, meine Damen und Herren, nicht langweilen, sie sind mir selbst auch sehr fremd, deshalb nur ein kleiner Hinweis: Schauen Sie genau hin, denn nicht nur die mit Computer ganz offensichtlichen verfremdeten und mit eigentümlichen wundersamen Dingen bestückten Arbeiten verheimlichen und klären gleichzeitig auf.
Dies findet sich vereinzelt auch in den Fotografien, die mit optischen wie inhaltlichen Fallstricken versehen sind, die die Wirklichkeit, oder das, was wir dafür halten, das ein oder andere Mal auf den Kopf stellen. Manchmal ist die Fotografie eben keine Fotografie, wie auch die Wahrheit nicht immer die Wahrheit ist. Mit anderen Worten: Man kann dem Mann nicht immer trauen.
Ganz anders hingegen seine Zeichnungen und Grafiken aus dem Frühwerk des Künstlers, in denen Jupp Ernst seine Linie, besser seine Linien, gefunden hat, mal streng linear, mal kubistisch, mal tänzerisch beschwingt wirkend. Und doch, wie ich bereits andeutete, findet man so manche dieser Formensprachen dieser Papierarbeiten in der Fotografie und in dem computermanipulierten Fotos wieder: Strenge und Verspieltheit, Chaos und Ordnung sind hier keine Widersprüche, sondern gleichsam die Kehrseite der selben Medaille.

Es gilt zu danken, zu danken dem Künstler selbst für seine Ausstellung und für die wohlgelungene Mitorganisation des Projektes und des Kataloges, Gerrit Musekamp, Gudrun Rohsmöller und Valerie Brug für die Vorbereitung und Hängung dieser Ausstellung. Aber auch den Mitgliedern des Welbergener Kreises, Sabine Swoboda, Michael Edelmann und Heinrich von den Driesch gebührt für ihre Unterstützung herzlichen Dank, ebenso wie auch Hans Röver aus Münster und Knut Willich.
Dank auch an die Projektpartner, an Dr. Martin Gesing vom Stadtmuseum Beckum und Johannes Hüls von der Stadt Bocholt, wie auch den Förderern dieses Projektes, dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe und der Stiftung zur Förderung von Kloster Bentlage für ihre finanzielle Unterstützung. Meine besondere Verbundenheit möchte ich der Kreissparkasse Steinfurt zum Ausdruck bringen, mit der Bentlage die Ausstellung gemeinsam vorbereitet und finanziert hat, in alter und guter und freundschaftlicher Zusammenarbeit.


Ein Bild kommt selten allein, 2009

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61 Irritationen. Ein Bild kommt selten allein
Museum Abtei Liesborn, 23. August bis 27. September 2009
Die Ausstellung ist ein Geburtstagsgeschenk. – Ich hatte ja keine Ahnung. – Ich alter Ego. – Ich breite aus, was ich mache. – Mir läuft die Zeit davon. – Was gibt 's Besseres zu tun? – Ich habe ja keine Ahnung. – Frauen veränderten mein Leben. – Was ist von einem Verein zu halten, der mich als Mitglied akzeptiert, fragte Mike. – Der Ort bestimmt die Regeln, sagt Sabine. – Identifizieren Sie sich mit der Welt, empfahl jemand. – Ich geh noch zur Schule. – Manches Mal dröhnt mir der Kopf. – Ja, ja, ich rauche zu viel. – Bitte jetzt keine weisen Ermahnungen. – Dies ist nicht der richtige Augenblick. – Falsche Momente gibt’s genug. – Regungen und Aufregungen. – Mittelmäßigkeit ist weit verbreitet. – Ich bin ein schlechter Spieler. – Zu Hause gab 's viele Selbstverständlichkeiten. – Die Erfahrungen stapeln sich und frühe Gelegenheiten. – Erfolg ist, was erfolgt. – Zufälliges spielt immer mit. – Periphäres Sehen bleibt im Focus. – Mein Dienstwagen steht vor der Tür. – Mitunter zwickt die Gürtelschnalle. – Das muss ein Missverständnis sein. – Butzenglasreflexe passen auf dörfliche Tresen. – Der schöne Augenblick ist kein Detail. – Ein Bild gibt das andere. – Automatismen haben autistische Züge. – Im Kirschbaum flattern Tauben. – Jubel an der Börse. – Über den Monitor rennen Fliegen oder reiben sich die Vorderbeine. – Zwischen den Gewittern öffnen sich alle Poren der Haut. – Die Fenster des Kesselhauses sind zerborsten. – Man baut kein Altenheim auf einen Friedhof. – Die Gegend ist überbevölkert von Schweinen und Hähnchen. – Und Pferdemistgerüche ziehen über Schreberland. – Das Signal gibt die Abfahrt noch nicht frei. – Hitzeflimmern verschweißt das Gleis. – Ceci n'est pas moi. – Anyway, keep smiling. – Vielerorts sinken die Abwassergebühren. – Treibjagden streifen den Siedlungsrand. – Stetig steigt der Wasserpegel. – Sich kräuselnde Kettchen schmücken jeden Hals. – Der Speicherplatz reicht nie. – Systematisch werden die Fische ausgenommen und geräuchert. – Verdun hat Stalingrad nicht verhindert. – Ich hab mir in den Finger geschnitten. – Großes Gelächter – Vierzig Umdrehungen hatte der Obstler. – Der Film endete mit einem Riss. – Plötzliches Wetterleuchten erschrickt mich in der Kammer. – Flimmerpause – Martin und Lisa waren mit dem Fahrrad da. – Hollandsättel sind unverwüstlich wie westfälische Eichen. – Bald ist wieder Ultimo. – Weitere Irritationen bleiben nicht aus. – …
Jupp Ernst, August 2009

Zur Eröffnung sagte Dr. Andrea Brockmann, Geschäftsführerin des KreisKunstvereins Beckum-Warendorf:
Der Künstler Jupp Ernst hat für die Ausstellung „61 Irritationen. Ein Bild kommt selten allein“ ein spezielles Konzept entwickelt. Gern arbeitet er ortsbezogen, reagiert auf Kontexte und schafft neue Arbeiten für einen Raum. Bei dieser Ausstellung, der so genannten Jubiläumsausstellung aus Anlass des 60. Geburtstages eines Künstlermitglieds des Kreiskunstvereins Beckum Warendorf, verhält es ich anders. Es sind 61 Bilder, die der heute 61jährige Künstler aus Borghorst im Museum Abtei Liesborn zeigt: Selbstbildnisse und Ortsaufnahmen, die gepaart einen Dialog miteinander führen. Die Bilder sind in einem aufwändigen technischen Verfahren entstanden, das moderne Bildbearbeitung mit traditioneller Maltechnik verbindet. In den Kompositionen tritt deutlich das Formempfinden des Grafikers hervor, der nach einem Philosophiestudium auch Freie Kunst an der Kunstakademie Münster bei Gunther Keusen, dem experimentellen Druckgrafiker, studiert hat. Neben Zeichnung und Grafik zählte auch die Bildhauerei zu seinem Schaffen, in den vergangenen Jahren hat er sich aber davon abgewandt und sich intensiv mit neuen Bildtechniken, den digitalen Möglichkeiten der Bildbearbeitung, beschäftigt und so in stetiger Verfeinerung ein Verfahren entwickelt, dass das Gestalten mit Rastern in Bildbearbeitungsprogrammen mit der künstlerisch handwerklichen Arbeit verbindet; strenge, feststehende formale Kriterien wie Linie, Punkt, Raster gehen zusammen mit malerischen Gesten, die in einer äußerst wässrig liquiden Kolorierung eine ganz besondere Stimmung der verwischenden Zeit und verblassenden Erinnerung zum Ausdruck bringen. So ist eine Art verschlüsselter, autobiografisch orientierter Retrospektive entstanden.
Dr. Andrea Brockmann.


Läufer, 1979, Radierung, 33 x 24 cm auf 40 x 30 cm

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Wolfram Heistermann
Zu den druckgrafischen Arbeiten

Daß der Werdegang eines Künstlers irgendwann über die Druckgraphik führt, ist nichts Ungewöhnliches, aber daß sie, wie bei Jupp Ernst, am Anfang steht, sozusagen den Nährboden bildet, ist sicher nicht die Regel. Über Jahre bleibt die Druckgraphik, insbesondere die Radierung, das Zentrum seines Schaffens. In den 80er Jahren verabschiedet er sich langsam von der Druckgraphik, und weitet seine künstlerische Tätigkeit auf bildhauerische und malerische Arbeitsweisen aus. Aber von Abschied zu sprechen wäre verkehrt, selbst wenn die schwere Druckpresse des Künstlers allmählich unter Bergen von Kunstablagerungen verschwindet. Graphisches Denken bleibt weitgehend in Jupp Ernst`s Arbeiten präsent. Viele seiner plastischen Arbeiten wären mit etwas gutem Willen druckbar, könnten überdimensionierte Druckstöcke sein. Oder waren umgekehrt seine Druckplatten eigentlich Plastiken, die er nur irrtümlich gedruckt hat ? Auf Jupp Ernst`s Radierplatten werden keine vorgefaßten Bildvorstellungen aufgezeichnet. Es sind vielmehr plastische Vorgänge die sich dort abspielen. Da entstehen Unebenheiten, widerständliche Oberflächen, Höhen und Tiefen, Störfelder in einer glattpolierten Oberfläche, da wird gegraben, geschabt, geschliffen, geätzt, gekratzt, zerfurcht, und wieder geglättet.

1980 entsteht unter dem Titel Vogelflug eine Reihe von Radierungen, die man, wollte man sie kategorisieren, unter der Rubrik Landschaft einordnen würde. Sie sind jedoch sehr weit abstrahiert, annähernd gegenstandslos. An die klassische Bildgattung „Landschaft“ erinnert nur die überwiegend horizontale Ausrichtung. Es tauchen keine ausformulierten Landschaftselemente auf. Jupp Ernst sucht sicher nicht das Ruhende in der Landschaft, das ewig Unveränderliche, das Unverwechselbare – Jupp Ernst geht dorthin, wo die Landschaft am deutlichsten in Veränderung begriffen ist, an die Küste, wo Wasser, Land und Luft auf engstem Raum zusammentreffen, ihre Grenzen fließend und die Elemente in augenfälliger Bewegung sind. An dieser Schwelle meint Jupp Ernst in erster Linie den Luftraum, den flüchtigsten, den beweglichsten Teil der Szenerie, am wenigsten greifbar und am wenigsten durchstrukturiert, nur spürbar auf der Haut, nur sichtbar durch das, was der Wind trägt. Kaum beschreibbar und schon gar nicht manifestierbar.
Leichte Ätzungen, Schleifspuren und unmerklich erhöhte Strukturen auf der Radierplatte widersetzen sich dem Wischen des Handballens und verhindern das völlige Abtragen der Druckfarbe. Weitgehend formlos, aber durchaus bezeichnend. Akzente setzt die Spitze der Nadel. Mit ihr überfliegt Jupp Ernst die Druckplatte. Spontane, scheinbar unkontrollierte Kratzer reißen die Oberfläche der Zinkplatte auf, versuchen den Flug der Möwen zu imitieren, zu studieren. Das Auge folgt der Möwe und zugleich der Nadel. Der Luftraum verdichtet sich, gewinnt an Struktur, wird sichtbar. Gleitflug, Sturzflug, Blindflug, steigen, fallen, schweben, taumeln, trudeln, pendeln. Schwerelosigkeit. Zielgerichtet oder dem Impulse folgend, der flüchtigen Laune? Die Beute anvisierend oder dem Wind überlassen? Bewußt oder unbewußt? Vogelflug, Gedankenflug, gedachte Linien? Finden unsere Gedankengänge ein anschauliches Pendant in den Flugbahnen der Vögel?
Zuweilen ist das Vogelflugszenario rasterhaft unterlegt, erinnert an Diagramme, das Aufzeichnen von organischen Funktionen, Körperfrequenzen, Lebensrhythmen, Puls, Atem, Gehirnströme. Freiflug der Gedanken auf dem Hintergrund achsialer Systematik? Chaos, oder vermeintliches Chaos, auf dem Hintergrund stets präsenter Ordnungsprinzipien? Digitalisierter Vogelflug?

Etwa gleichzeitig mit den Vogelflugradierungen entsteht eine andere, stark konstruktiv angelegte Reihe. Oder trügt der Schein? Wirken diese Radierungen vielleicht nur so formal, weil Jupp Ernst das gewohnte rechteckige Format verläßt? Tiefe Einschnitte, Ausbuchtungen, Abwinklungen, raumgreifende Spitzen. Die so zugeschnittene Platte wird selbst zur Gestalt. Das Bild ist nicht auf einem Format untergebracht. Bild und Format verschmelzen. Format, Gestalt, Bildbegrenzung, Bildträger. Jupp Ernst spielt mit diesen Begriffen, bringt ihre klassische Zuordnung durcheinander. Perspektivisch angelegte Innenzeichnung greift die äußere Form auf und stellt einfache räumliche oder architektonische Grundsituationen her, die Jupp Ernst mit Titeln, wie „hoch /tief“, „auf/zu“, „Brücke“, „pool“ oder „Raumtorso“ benennt. Gegenläufige informelle Strukturen setzen das mit dem Format begonnene Verwirrspiel fort.
Einige dieser Gebilde überläßt Jupp Ernst der Säure zum Fraß. Dadurch findet so etwas wie ein Revitalisierungs- oder Renaturierungsprozeß statt.

Als Gegenstück zu diesen raumgreifenden Formaten liefert uns Jupp Ernst eine Serie von kreisrunden Radierungen. Sie entstehen während eines Studienaufenthaltes in Belgien im Kunstzentrum Frans Masareel. An einem festen Ort, während eines begrenzten Zeitraumes, also in einer zentrierten Situation, entstehen ausschließlich zentralorientierte Arbeiten. Augen vielleicht, Augäpfel, Hornhaut, Gallertmasse von Sehnerven durchzogen. Um ein Zentrum wabbernde, amorphe, Aquatintaansammlungen, die sich andeutungsweise strukturieren. Bildnerische Grundsubstanz im Frühstadium? „Sterntaler“ als kosmische Urmasse? „Falschgeld“ in einem Sinne, daß es noch nicht gemünzt , noch nicht geprägt ist? Aber es steuert schon die ideale Kreisform an.

Einige von Jupp Ernsts Radierungen stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit seinen Stahlrohrplastiken, Plastiken, bei denen er mit schwarzen quadratischen Rohrprofilen strengwinklige, stellageartige Gebilde konturiert. Vielleicht ist es ihre ausgesprochen graphische Wirkung, die Jupp Ernst dazu animiert das gleiche Formrepertoire druckgraphisch aufzugreifen. Es entstehen Radierungen, die durch ihre Skizzenhaftigkeit in auffälligem Widerspruch zu ihren strengen plastischen Vorbildern stehen. Plastik und darauf bezogene nachskizzierende Radierung als Lösungs – und Auflösungsprozeß ? Hochgeätzte Reliefs, unterstützt durch feine Ritzungen mit der Nadel, plastisch im Detail, räumlich in der Anordnung. Stuhlähnliche Gebilde, Leitern, Gerüste, seltsame Klappmechanismen formieren sich perspektivisch zu eigenartig agierenden Ensembles, lichtbeschienen, mit angedeutetem Schattenwurf. Streben und Fluchten suggerieren räumliche Distanzen, ohne die Situation eindeutig zu klären, erinnern vage an Balken oder Ständerwerk. Wo sich dieses Gefüge aus einem rhythmisch-duktisch angelegten Untergrund entwickelt kommt es zur Verschmelzung und Durchdringung von strukturalen und architektonischen Raumeindrücken.

Ein häufig auftauchendes Bildelement oder Bildprinzip bei Jupp Ernst ist das Raster. Das ist nicht verwunderlich für jemanden, der sich so sehr dem Radieren verbunden fühlt. Radierung und Raster haben schließlich den gleichen Ursprung im lateinischen „radere“ (graben, schaben, kratzen). Daraus wird das Intensivum „rasare“ mit dem dazugehörigen Substantiv „rastrum“, was soviel bedeutet wie Harke. „Rasare“, das Harken, Beharken, Abharken, die flächendeckende Feldbearbeitung gegenüber dem eher markierenden Zeichnen, Kennzeichnen, Aufzeichnen. Ein Raster ist eine Orientierungshilfe, es tastet ab, macht erfaßbar. Vielleicht der Versuch das eigene Denken, Zeichnen abzutasten. Vielleicht der vergebliche Versuch das Unfaßbare faßbar zu machen. Ähnliche Raster oder Maßgaben begegnen uns auch in der Literatur. Seltsamerweise in der vielleicht am wenigsten faßbaren Literaturform, dem Gedicht. Hebungen, Senkungen, wiederkehrende Betonungsmuster bestimmen das Versmaß. Einige seiner Radierungen tituliert Jupp Ernst denn auch als Gedichte. Sich fortsetzende Grundmuster öffnen sich zu organischen Verflechtungen und arhythmischen Vernetzungen, fallen bisweilen in einen Schreibduktus. Vielleicht sollte Jupp Ernst eines Tages versuchen in Manier einer Dichterlesung diese Radierungen zu rezitieren oder wie eine Fuge vom Blatt zu spielen. Auch die Musik ist aufgerastert, auf strenge Grundmuster bezogen -Takte, Rhythmen, Tonabstände. Bezeichnenderweise benutzt man zum Ziehen von Notenlinien ein Gerät, das sich „Rastral“ nennt. Sollte es etwa so sein, daß gerade die flüchtigsten, einfühlsamsten, am wenigsten faßbaren Dinge sich am besten über Raster erschließen? Das Raster als Schlüssel? Oder helfen uns die Raster derart gefühlsorientierte Dinge auf eine angemessene Distanz zu bringen, sie in gewisser Weise vom Leibe zu halten?

Ab 1995 entsteht eine Vielzahl großformatiger Frottagen. Eine Technik, die nicht eindeutig einer der klassischen künstlerischen Disziplinen zuzuordnen ist. Sie weist Elemente des Druckens, der Malerei und der Bildhauerei auf. Der Arbeit liegt ein Druckstock zugrunde, ein Grundstock, dem Künstler zwar bekannt, aber dennoch für sein Auge unter dem Papier verborgen. Er beginnt ihn abzutasten, zu untersuchen, auf seine Höhen, seine Tiefen, er sucht ihn unter dem Papier. Blindenschrift. Nicht plötzlich, wie beim Drucken, sondern allmählich, wie beim Malen, wird ein Bild sichtbar, taucht auf, wie aus dem Entwicklerbad. Wie bei der Malerei findet eine successive, manuelle Flächenbehandlung statt. Wie ein Taststrahl ortet der Graphitstift die Unebenheiten. Linear mit der Spitze oder flächig mit der Breitseite. Es sind zwei Komponenten, aus denen das Bild entsteht. Zum einen die vorgegebene Struktur des Druckstockes, zum andern der nicht vorgezeigte, mehr oder weniger automatisch ausgeführte Weg der Hand mit dem Werkzeug. Als Druckstock wählt Jupp Ernst, sicher nicht von ungefähr, rasterartige Gegenstände wie Kompostsiebe oder Fußroste. Als Werkzeug benutzt er gelegentlich sogar einen Schwingschleifer, mit dem er bis tief ins Papier eindringt oder sogar durchdringt bis auf den Druckstock, so, daß sich zwei Strukturen, zwei Merkmale, zwei Widerstände visualisieren, die des Druckstockes und die des Papieres. Zwei Raster werden gegeneinander aufgerieben, das des Druckstockes und das des Papieres, das von seiner Machart auch nichts weiter als ein Netzwerk ist. Eigentlich sind es sogar drei Raster, denn mit dem Schleifpapier des Schwingschleifers kommt noch ein Punktraster mit ins Spiel. Auf diese Weise ergibt sich ein sehr vielschichtiges, aufschlußreiches, einsichtiges und durchsichtiges, vordergründiges und hintergründiges „Abbild“.
Wolfram Heistermann, 1997, Leiter der Druckwerkstatt der Kunstakademie Münster


photo

usw, 1980, Radierung, 31 × 18 cm auf 39 × 30 cm


Wortwechsel, 1995

Wortwechsel
wörtlich: Austausch, heftig;
eigenwillig verdreht: Wortersatz,
Surrogat, Kunsthonig,
naturidentisch,
frisch gepresst und ausgekocht..
Wildwechsel, Wort für Wort,
buchstäblich im Wald,
Bäumchen, Bäumchen wechselt euch:
hieß ein Kinderspiel, früher
unter den Buchen.
Wer versteckt sich hinter welchem Stamm,
war zu erraten
und es galt, die Gunst des Augenblicks zu nutzen,
immerwieder das Versteck zu wechseln:
Stellungswechsel, Sichtwechsel.
Sprunghaft von Fluchtpunkt zu Fluchtpunkt
aus der Hocke in den Stand der Dinge
vorm Umschwung am Reck.
Und sonst? Was macht die Kunst?

Flinke Wechsel geraten schnell unter Druck.
Das Potential der Missverständnisse bleibt
so unerschöpflich wie Phantsie.
Schmutzige Wäsche muss gewaschen,
muss gewechselt werden.
Jede Mücke hat einen Rüssel,
Elefanten sind sensibel.
Wer nicht unterkommt,
muss ins Mauseloch kriechen.
Aber wo ist die Maus, die den Speck
von der Festplatte holt.
und die Rosinen aus dem Kuchen pickt.
Die Maus muss einen Vogel haben,
der Bleistift einen Anspitzer und,
was Sache sein soll, Umriss.

Jupp Ernst, 1995